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Stories | Interviews
12/12/2019

King of Brooklyn: Edward Norton zu "Motherless Brooklyn"

Zwei Jahrzehnte ist es her, dass Schauspiel-Star Edward Norton erst- und bis dato auch letztmals einen Film inszeniert hat. Nun landet seine zweite Regiearbeit und filmische Herzensangelegenheit, die Adaption des Noir-Krimis "Motherless Brooklyn", für die der 50-Jährige auch als Hauptdarsteller, Produzent und Drehbuchautor tätig war, endlich in den Kinos. Was es mit der langen Pause auf sich hatte und was er in dieser übers Filmemachen gelernt hat, hat er uns in London erzählt.

SKIP: Was hat Sie an der Figur des Lionel Essrog bereits beim Lesen von Jonathan Lethems "Motherless Brooklyn" so besonders fasziniert?

Edward Norton: Lionel ist durch seine Tourette-Erkrankung dysfunktional, aber er ist auch clever. Er ist ein tougher Brooklyn-Bewohner, aber augenscheinlich auch einsam. Die Zuseher müssen in einer Figur etwas von sich selbst erkennen, um Empathie empfinden zu können. Forrest Gump ist zum Beispiel so ein Fall: Er weckt in dir das Bedürfnis, dass die Dinge einfach und pur sein sollen. Auf Lionel umgelegt: Jeder kennt es, wenn man im Kopf Diskussionen mit sich selbst hat, diese aber natürlich nicht ungefiltert nach draußen lassen möchte. Wenn einem wie Lionel das aber dann doch passiert, findet man das lustig, fühlt aber auch mit ihm mit. Wenn du beim Publikum die Empathie zum Fließen bringen kannst, dann kommst du mit einer Figur schon sehr weit.

Bis Sie "Motherless Brooklyn" als Film verwirklichen konnten, sind fast zwei Jahrzehnte vergangen. Was war die größte Hürde? Und warum haben Sie nicht irgendwann mal aufgegeben?

Es ist ja auch nicht so, dass ich die ganze Zeit einen Felsen den Hügel raufrollen musste und sonst nichts gemacht hätte. Ich habe in der Zeit etwa 20 Filme gedreht – mit Leuten wie Spike Lee, Wes Anderson oder Alejandro Iñárritu, die allesamt sehr gut darin sind, komplexe Filme mit relativ wenig Geld hinzubekommen. Einen Film der Größenordnung von "Motherless Brooklyn" hätte ich um dieses Budget und in dieser Zeit – ich hatte 46 Drehtage – früher auch gar nicht hinbekommen. Für meine erste Regiearbeit "Glauben ist alles" hatte ich vor 20 Jahren fast 20 Drehtage mehr – und die war bei Weitem nicht so vielschichtig.

Führen Sie das einfach darauf zurück, dass Sie jetzt mehr Erfahrung haben?

Schon. Ich habe eben oft genug vor Ort gesehen, wie es gemacht wird. Leute wie Lee oder Anderson haben verstanden, dass sie mit geringeren Budgets einfach mehr Arbeit vor den eigentlichen Shootings erledigen müssen, um die Limitierungen einer kürzeren Drehzeit möglichst kleinzuhalten. Dazu eine Anekdote: Bobby Cannavale hat ja nicht nur in meinem Film mitgespielt, sondern quasi zur gleichen Zeit auch in Martin Scorseses "The Irishman". Einmal kam er zu mir und scherzte: „Alter, wir drehen hier an einem Tag mehr als dort in einer Woche!“ (lacht) Scorsese hatte 150 Tage zum Drehen! Auch bei "Fight Club" haben wir damals 130 Tage gedreht – da lernst du nicht, wie du einen guten, komplexen, großen Film in 30 Tagen hinkriegst.

Haben Sie trotzdem etwas von "Fight Club" und Regisseur David Fincher mitnehmen können?

Fincher ist ein wahrer Meister der Bildkomposition. Er hat ständig diese zunächst weird anmutenden Ideen, ist einfach ein sehr mutiger Filmemacher, vor allem was das Visuelle anbelangt. Seine ästhetische Disziplin ist wirklich beeindruckend. David ist einer, der sich was traut, genauso wie auch Wes oder Alejandro. Nur so kann auch etwas Großartiges entstehen. Selbst wenn etwas nicht hinhauen sollte: Du musst es zumindest versucht haben.

Dass Sie das Setting der Buchvorlage von den 90ern in die 50er Jahre verlegt haben, dürfte Ihre Aufgabe natürlich auch nicht weniger anspruchsvoll gemacht haben, oder?

Nein, keinesfalls! Das hat die Dinge überaus verkompliziert. Wir mussten ja quasi eine ganze Welt, die es so nicht mehr gibt, neu erschaffen – inmitten des modernen New York. Mit der Verlegung der Handlungszeit ging mir darum, an jene dunklen Orte zu gelangen, die sich unter der populären Wahrnehmung dessen, was wir als Amerikaner sind, befinden. Unter dem Mainstream-Narrativ von dem, was die USA ausmacht und was ihre Werte sind, gibt es eine durchaus stark abweichende Gegenerzählung. Sich der Realität nicht zu stellen, ist gefährlich: So lassen sich Leute manipulieren, damit danach Dinge angestellt werden können, die großen Schaden anrichten. Es ist wichtig, die dunklen Kräfte in unseren Leben verstehen zu lernen.

Haben speziell die USA eine seltsame Beziehung zu Menschen mit einer Menge Macht?

Nicht notwendigerweise. Wenn Sie etwa Italiener fragen, ob ihnen das bekannt vorkommt, dann würden die auch Ja sagen. Wenn sie dieser Tage Ungarn dasselbe fragen, würden die ebenfalls zustimmen. Ein mexikanischer Freund von mir meinte, dass "Motherless Brooklyn" mehr ein Film über Südamerika als über die USA sei. Er sprach vom „jefe problem“, dem Romantisieren des starken Mannes, des Autokraten. Warum fühlen sich die Menschen immer wieder zu solchen Figuren hingezogen? Und warum neigen Menschen mit Macht dazu, dass andere Leute irgendwann für sie unsichtbar werden? In einer Plutokratie werden die kleinen Leute für die Wohlhabenden oft schlichtweg irrelevant. Für mich ist die Psychologie der Macht auch deshalb interessant, weil alles in Wellen wiederkehrt. Unsere Großeltern haben damals wortwörtlich einen Kampf gegen autoritäre Ideen und Repression geführt – sie hätten sich wohl auch nicht unbedingt gedacht, dass wir diese Diskussionen jetzt erneut führen müssen.