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Stories | Interviews
03/26/2020

Schnee von Heute: Die "ZeroZeroZero"-Macher im Interview

Gomorrha global: In seinem fulminanten Bestseller Zero Zero Zero ging Roberto Saviano der hochbrisanten Frage nach, „wie Kokain die Welt beherrscht“. Antworten liefert darauf nun auch die packende gleichnamige Sky-Serie. Im Rahmen von deren Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig hat SKIP den Aufdeckerautor zusammen mit Regisseur Stefano Sollima zum Gespräch gebeten.

SKIP: Eine, wenn nicht die zentrale These Ihrer Serie besagt, dass Drogen die Wirtschaft der Welt letztlich am Laufen halten. Ist diese Einschätzung nicht etwas übertrieben?

Stefano Sollima: Basierend auf unseren Recherchen ist das absolut richtig.

Roberto Saviano: Man muss sich doch bloß die Umsatzzahlen ansehen: Jene des weltweiten Drogenhandels lassen sich von der Größenordnung her durchaus mit jenen der Ölindustrie vergleichen. Allein die Steigerung im Wert, die das Produkt Kokain durchläuft, ist gigantisch: In Kolumbien verkauft man das Kilo um 1500 Dollar, in Mexiko kostet es dann 5000 bis 15000, in den USA 27000, in Italien 50000, in UK kommt es schließlich um 70000 an

Würde demnach eine Legalisierung Probleme lösen?

Stefano Sollima: Letztlich würde es bei der Legalisierung eben auch dieses eine Problem geben, an dem man nicht vorbeikommt: Die enormen Einnahmen des Handels mit Drogen füttern weltweit die realen Ökonomien sehr vieler Länder mit. Was würde mit der Weltwirtschaft passieren, wenn wesentliche Teile dieses Geschäftes wegbrechen?

Roberto Saviano: Man sieht das auch schon im Kleinen: Nehmen wir an, du hast drei Kilo-Portionen unverarbeitete Ware. Du kannst durch Strecken auch vier Kilo daraus machen und erhöhst somit deinen Kiloschnitt mit schlechterer Ware. Kannst du daraus denn auch mehr machen, wenn es legal wäre? Wohl nicht. Mein Buch und die Serie befassen sich mit dieser Welt, die immer einen Verkauf tätigen muss. 

Weil eben schon die Rede vom Buch war: Wie sind Sie dessen Adaption angegangen?

Roberto Saviano: Ich habe auf Stefano Sollimas Genialität im Umgang mit Crime-Geschichten vertraut, den man aus seinen Filmen kennt und den er beherrscht wie niemand sonst. Er beschäftigt sich mit Themen stets auf äußerst profunde Weise.

Stefano Sollima: Es beruhigt natürlich enorm, wenn man auf einer so massiven investigativen Recherche, wie sie Roberto für sein Buch gemacht hat, aufbauen kann. Dessen Seele und Kern sollte unbedingt erhalten bleiben. Unsere Perspektive unterscheidet sich dabei auch von der, die etwa verwandte Serien wie Narcos anbieten. Wir erzählen nicht immer linear, springen auch mal vor und zurück. Es war uns natürlich wichtig, die Logik der Welt zu erhalten, sie aber eben durch verschiedene Blickwinkel zu filtern. Man befindet sich dadurch gleichsam in einer Zeitschleife der Orientierungslosigkeit. Was hier auch immer das Ziel sein mag: Du kennst den Ausgang nicht. Ich überlasse es gerne Ihnen, durch diesen verschlungenen Parcours zu laufen.

Einige dieser anderen Blickwinkel haben auch Ihre beiden Regiekollegen Janus Metz und Pablo Trapero beigesteuert. Was war die Idee hinter dieser Arbeitsteilung?

Stefano Sollima: Die Idee war, unsere Geschichte von Schauplätzen in der ganzen Welt aus zu betrachten: Sie spielt in Nordamerika, Mexiko, Senegal, Marokko und Italien. Wir haben uns bei der Umsetzung dieser Aufgabe für diese zwei Regisseure entschieden, weil sie eine sehr präzise Vision hatten und ihrem Instinkt folgen. In der Interpretation hatten sie volle Freiheit.

Herr Saviano, Sie haben sich mit Ihren Aufdeckungen bekanntlich nicht immer nur Freunde gemacht. Haben Sie eigentlich jemals erwogen, auch einmal über etwas ganz anderes zu schreiben?

Roberto Saviano: Eigentlich nicht. Für mich ist es einfach eine Obsession, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, eine Obsession, die teilweise ja auch von Stefano geteilt wird. Es ist ein Instinkt, der schwer zu kontrollieren ist. Immer wenn ich Städte besuche, die ich noch nicht genügend kenne – wie etwa hier Venedig – muss ich zum Beispiel als allererstes immer gleich in Erfahrung bringen, welche Kartelle hier die Kontrolle haben. Ich muss wissen, wo die Prostituierten-Viertel sind, wer die Geldgeber sind. Erst wenn ich all dies weiß, kann ich mich in aller Ruhe mit Galerien und Museen und der schönen Architektur beschäftigen!