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Stories | Interviews
03/11/2020

Vernunftmensch & Lebemann: Stefan Ruzowitzky zu "Narziss und Goldmund"

Wie so einige unter uns hat auch Stefan Ruzowitzky den Roman-Klassiker "Narziss und Goldmund" als Teenager gelesen – erkennt sich aber auch heute noch in den Figuren Hermann Hesses wieder. Wie viel Narziss und wie viel Goldmund in ihm steckt und wie er es schafft, sich den Besuch beim Therapeuten zu ersparen, hat der österreichische Star-Regisseur im Vorfeld der Premiere seiner Leinwand-Adaption im Plausch mit SKIP verraten.

SKIP: Sie haben nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch verfasst, zum ersten Mal für eine Literaturverfilmung. Wie war das für Sie?

Stefan Ruzowitzky: Ich liebe das Buch ja seit meiner Jugend und habe deswegen viel Respekt dafür. Gleichzeitig musste ich natürlich mutig sein und Sachen verändern für das andere Medium und aus dem Umstand heraus, dass wir uns neunzig Jahre später befinden und sich gewisse Dinge geändert haben. Zum Beispiel zieht Goldmund ja hinaus in die Welt und lebt dieses Ideal der freien Liebe. Hesse erzählt das aus einer sehr männlichen Perspektive: Goldmund zieht herum und die Frauen fallen ihm zu Füßen. Im Film sind die Frauen nun eigentlich die Dominierenden, die wissen, was sie wollen. Die einen wollen nur seinen Körper für ein Schäferstündchen. Andere wollen seine Arbeitskraft oder was auch immer. Ich glaube, solche Dinge, muss man eben genau deshalb anders erzählen, um der ursprünglichen Intention gerecht zu werden und Hesse nicht als Chauvi dastehen zu lassen.

Hat Sie der Gedanke gestreift, die Geschichte überhaupt ins Hier und Jetzt zu verlegen?

Ja, das überlegt man natürlich. Aber die Erzählung ist ja sehr bewusst so diffus irgendwann im Mittelalter angesiedelt. Weil sie halt eine philosophische Parabel ist. Da geht es um Sinnsuche, um das Wesen von Kunst, das ändert sich nicht viel mit der Zeit. Also ist es nicht notwendig, die Geschichte irgendwo anders hinzuverlegen. Außerdem ist "Narziss und Goldmund" noch nie verfilmt worden. Beim ersten Mal macht es durchaus Sinn, es so zu verfilmen, wie es geschrieben wurde. Dass die Darstellung des Mittelalters historisch völlig korrekt ist, war aber nicht unser höchstes Ziel. Das Ganze entspricht mehr einer Fantasiewelt.

Trotzdem hatten Sie den Anspruch, dass auch die Komparsen gut ins Mittelalter passen und waren sogar bei deren Casting dabei, stimmt das?

Ja, das hängt auch damit zusammen, dass wir da einige Herren mit viel Liebe überzeugen mussten, sich eine Tonsur schneiden zu lassen … (lacht) Das muss halt so ausschauen bei Mönchen aus dieser Zeit.

Mit wem können Sie sich eher identifizieren – Narziss oder Goldmund?

Ich bin ja in der luxuriösen Lage, dass ich beides habe. Also als Regisseur am Set – das ist so ein richtiges Goldmund-Leben. Mit vielen Menschen um sich, viel Gefühl und Leidenschaft und das Adrenalin den ganzen Tag auf Anschlag. Und am Abend ist man dann entweder enthusiastisch, weil es so super war oder man ist zu Tode betrübt. Auf der anderen Seite gibt es diese Phase, in der sich alles nur im Kopf abspielt, wenn man das Buch schreibt, in seinem Studierstübchen sitzt und sich nicht mit den Problemen einer Realität herumschlagen muss. Ich mag es, dass ich manchmal Goldmund und manchmal Narziss sein kann.

Die Figur des Goldmund ist in gewisser Hinsicht ein Argument für das intensive Leben. Vielleicht ein bisschen gewagt, einen Filmemacher das zu fragen – aber durchleben wir heutzutage Gefühle vielleicht schon zu oft passiv vor Leinwand und Bildschirm anstatt draußen im echten Leben?

Jein. Also meiner Meinung nach hat Kunst immer dazu gedient, dass sich Menschen mehr Emotionen verschaffen können. Im Fall von Kino um 10 Euro. Ich gehe hin, weil ich dort weinen, lachen, mich fürchten kann – völlig risikolos. Weil die schrecklichen Dinge, wegen derer man dort weint, passieren ja nicht wirklich. Aber das finde ich nichts Schlechtes, das sehe ich durchaus als ehrenwerte Funktion der Kunst. Deswegen sehe ich es auch als meine Aufgabe als Filmemacher, Gefühlskino zu machen.

Goldmund beschreibt die Kunst als Drang, sein Innerstes veräußern zu müssen. Kennen Sie das als Filmemacher in der Form auch?

Ja, in Bezug auf die Existenz als Künstler sagen die überhaupt viele Sachen, in denen ich mich wiedererkenne. Zum Beispiel, wenn Goldmund seine Entwürfe präsentiert und sich herausstellt, dass es jetzt doch neun Figuren sind, die er schnitzen will statt einer. Und der Produzent, Schrägstrich, Narziss, sagt: What?! Und er sagt: Ja, das ist ganz wichtig! Und die Maria-Figur natürlich auch noch … (lacht) Ja, das ist so ein Klassiker, wenn du deinem Produzenten verkaufen musst, dass du in einer Szene jetzt doch dreimal so viele Komparsen brauchst. Es wird auch behandelt, wie du als Künstler mit Emotionen umgehst. Da gibt es diese Szene, wo Goldmund zu den Pest-Toten kommt und anfängt, sie zu malen. Weil das eben seine Art ist, mit diesem Trauma umzugehen. Das klingt jetzt kitschig, aber wenn ich starke Erlebnisse oder Eindrücke habe, schreibe ich halt eine Szene darüber, das ist eben meine Art, das zu bewältigen. Deswegen glaube ich mir den Psychotherapeuten ersparen zu können. Weil ich mit den Dingen, die mir auf der Seele liegen, so umgehen kann.