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Stories
02/09/2020

Lucky Losers: Die 13 großartigsten Oscar-Verlierer aller Zeiten

Von der Academy ignoriert, von Publikum und Kritik gefeiert: Diese 13 Kultfilme haben auch ohne Oscar-Würdigung Filmgeschichte geschrieben.

Heat

Es gibt wohl keinen anderen Film, der die Bezeichnung „Treffen der Giganten“ mehr verdient hat. Robert de Niro und Al Pacino sind in Michael Manns actiongeladenem Katz-und Maus-Spiel zwischen einem Kriminellen und einem Ermittler zum ersten Mal gemeinsam auf der Leinwand zu sehen. Auf schauspielerisch höchstem Niveau agieren sie in einem Thriller, der über die gesamte Lauflänge von knapp drei Stunden kein einziges Mal langweilig wird. Handgemachte, unglaublich echt wirkende Schießereien tragen zur starken Atmosphäre der Erzählung bei. Die Inszenierung befindet sich stets auf Augenhöhe mit den Charakteren, was dafür sorgt, dass der Zuschauer mittendrin statt nur dabei ist. Zwar konnte der Film weder bei den Oscars noch bei anderen Preisverleihungen punkten, er gilt jedoch heute als Manns beste Arbeit und diente gleichermaßen als Inspiration für das Genre wie auch für wahre Kriminelle aus aller Welt

Taxi Driver

Und noch einmal De Niro: Ein Musterbeispiel des Method Acting kann man in Scorseses düsterem Portrait einer einsamen Seele inmitten New Yorks der 70er Jahre bestaunen. Noch heute werden einzelne Szenen in anderen Filmen zitiert, der Soundtrack von Bernhard Hermann ist ebenso legendär wie melancholisch, und die damals erst dreizehnjährige Jodie Foster kann ihre Karriere maßgeblich diesem Streifen verdanken. Zwar erhielt der Film bei der Oscar-Verleihung 1977 vier Nominierungen, ging jedoch leer aus, vielleicht den damals kontroversen Gewaltszenen geschuldet. "Taxi Driver" ist jedoch nichts weniger als einer der wichtigsten und einflussreichsten Vertreter des New Hollywood und findet sich heute zurecht in zahlreichen Toplisten wieder.

Scarface

Fiese Gangster, die nächste. Auch Brian de Palmas (loses) Remake des gleichnamigen Schwarz-Weiß-Klassikers wurde von den Oscars gekonnt ignoriert. Dabei gilt er heute als der Prototyp des modernen Gangsterfilms. Während sowohl "Der Pate" als auch "Es war einmal in Amerika" mit betont gedämpfter Farbpalette aufwarten, ist Scarface den 80ern entsprechend poppig bunt und inszeniert den Schauplatz Miami als schillerndes Mekka für den skrupellosen Tony Montana. Die teils harte Gewalt, die unvermittelt über die Figuren hereinbricht, ergibt gepaart mit ungewöhnlichen Variationen klassischer Film-Noir-Elemente und authentischen Dialogen einen zeitlosen Klassiker, dessen Einfluss und Nachwirkung weit über das Medium Film hinaus zu spüren ist. Und das noch heute.

Fight Club

David Finchers Kino-Adaption des Romans von Chuck Palahniuk handelt nicht nur von ein paar Typen, die sich gegenseitig zu Brei schlagen – auch wenn das einen elementaren Aspekt der anarchischen In-your-Face-Ästhetik von "Fight Club" ausmacht. Ohne Rücksicht auf Verluste spuckte die Psycho-Satire ihren Zuschauern 1999 eine ausgeklügelte Metapher der Zu- und Missstände der vom Konsum geprägten amerikanischen Gegenwart ins Gesicht. Zu drastisch für viele Kritiker – die Academy ignorierte Finchers Machwerk fast komplett. "Fight Club" musste sich mit einer einzigen Nominierung in der Kategorie Bester Tonschnitt begnügen. Doch auch ohne Oscar-Würdigung lieferten Regisseur, Cast (Edward Norton, Brad Pitt, Helena Bonham Carter) und Crew eines der bis heute einprägsamsten Werke des ausgehenden Film-Jahrhunderts ab.

Spiel mir das Lied vom Tod

Als Sergio Leones Überwestern 1968 den Weg in die Kinos fand, waren die Amerikaner wohl ganz einfach nicht bereit dafür. Damals wurde der Kampf gut gegen böse nämlich vor allem von großen Studioproduktionen mit Namen wie John Wayne oder Burt Lancaster als klassische Western-Helden zelebriert. Und dann kommt der italienische Meisterregisseur, zerstört die ganze Romantik und definiert zu ohrenbetreuenden Klängen des legendären Ennio Morricone das ganze Genre neu. Ein Film, der bei jeder Sichtung an Gewichtung gewinnt.

Blade Runner

Ridley Scotts visuell bestechendes, tiefgründiges Meisterwerk hat es 1983 zu lediglich zwei Nominierungen gebracht und ging bei der Oscar-Vergabe leer aus. Kritiker unterstellten dem Film Plot-Schwächen, die augenscheinlich durch ein Übermaß an Special Effects kompensiert werden mussten. Offensichtlich war Scott seiner Zeit einfach voraus – heute gilt "Blade Runner" nämlich als Wegbereiter. Als Neo-Noir-Sci-Fi-Mashup hat der Film Konventionen umgepflügt und den Weg für das Genre des Cyberpunk geebnet. Die durchwachsenen Kritiker- und Publikums-Reaktionen im Jahr seines Kinostarts waren wohl auch dem Umstand geschuldet, dass der Regisseur – unter der Fuchtel der Produzenten – zunächst eine vermeintlich gefällige Version des Streifens ins Kino brachte. Ein Director’s Cut, der 1992 veröffentlicht wurde, sowie Scotts Final Cut von 2007 wussten schließlich auch einstige Skeptiker vom Glanz von "Blade Runner" zu überzeugen.

Psycho

Alfred Hitchcock? Einer der genialsten Filmemacher der Hollywood-Geschichte, würden viele meinen – und mit ähnlichen Superlativen auch einige seiner Werke bejubeln. Nur die Academy sah das offensichtlich stets anders. Obwohl fünfmal nominiert, wurde der Meister der Suspense nie mit dem Oscar als bester Regisseur geehrt. Und auch "Psycho", samt legendärer Duschszene, musste ohne Auszeichnung der Academy in die Filmgeschichte eingehen. Dabei zählt der Thriller zu den bahnbrechendsten Filmen Hitchcocks – nicht nur, weil er es, als erster amerikanischer Film, in dem eine WC-Spülung zu sehen und zu hören war, an der Zensur vorbei schaffte. Kritiker prangerten die explizite Gewaltdarstellung an, die katholische Kirche schrie nach einem Verbot, Psychiater rieten vom Kinobesuch ab. Doch allen Warnungen zum Trotz wurde "Psycho" zum Publikumshit. Mit der erfreulichen Konsequenz, dass Zensurvorschriften nachhaltig gelockert wurden.

Es war einmal in Amerika

Wann immer von den großen Gangsterfilmen die Rede ist, fallen Namen wie "Der Pate", "Scarface" oder "Goodfellas". Oft vergessen wird dabei eines der größten Epen der Filmgeschichte. Sergio Leones letztes Werk ist eine opulente, vierstündige Geschichte einer New Yorker Kindergang, die erwachsen wird und schließlich zerbricht. Über drei Jahrzehnte hinweg werden die kriminellen Taten der Protagonisten, ihre Gier und ihr Hochmut, aber auch ihr Absturz und der gegenseitige Verrat beleuchtet. Obgleich der enormen Länge des Films wird er aber nie langweilig, sondern ist dicht und atmosphärisch erzählt und ein würdiger letzter Film von Altmeister Leone. Die Ironie dabei: Den Vereinigten Staaten wurde mit diesem Film ein Denkmal gesetzt, doch ausgerechnet dort wurde er nicht entsprechend gewürdigt.

The Big Lebowksi

Es ist eigentlich noch immer kaum zu fassen, dass der Dude... oder Duder... oder His Dudeness... oder El Duderino von der Academy nicht einmal mit einer Oscar-Nominierung bedacht wurde. Jeff Bridges setzte mit seiner zeitlosen Performance als kiffender Bademantel- und Bowlingaficionado im Meisterwerk der Gebrüder Coen nicht nur neue Maßstäbe im Lebenskünstlersegment, auch der Durst nach Alltagsgegenständen mit seinem Konterfei scheint noch heute ungestillt. Der Oscar ging damals (1999) übrigens an Roberto Benigni für das "Das Leben ist schön". Yes, well, you know, that’s just, like, your opinion, man.

Mulholland Drive

Die BBC kürte diesen Film im Jahr 2016 zum bis dato besten des 21. Jahrhunderts. Und zurecht, denn "Mulholland Drive" ist ein ganz besonderes Erlebnis, eine hypnotisch-albtraumhafte Vision Hollywoods, entsprungen aus der Gedankenwelt von Filmemacher David Lynch. Naomi Watts stolpert in ihrer ersten großen Filmrolle durch eine kompromisslose, düstere Geschichte, die sich jeder eindeutigen Erklärung verwehrt, und durch die unzuverlässige Erzählweise Platz für Interpretationen lässt. Obwohl Lynch mit Klassikern wie "Eraserhead" oder "Blue Velvet" großen Eindruck hinterlassen hatte, bildet "Mulholland Drive" den Höhepunkt seines kreativen Schaffens. All die lynchesken Elemente, die in den genannten Filmen sowie der TV-Serie "Twin Peaks" etabliert wurden, kulminieren hier und ergeben ein Oscar-würdiges Gesamtbild.

Shining

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Horrorlegende Stephen King gilt heute als absoluter Klassiker des Genres. Als der Film 1980 in die Kinos kam, stieß er hingegen auf wenig Begeisterung. Kubrick-Fans waren irritiert angesichts des vergleichsweise trivialen Themas, King-Leser hingegen waren genauso wie der Schriftsteller selbst unzufrieden mit Kubricks Interpretation des Stoffes. Nichtsdestotrotz ist "Shining" eine Glanzleistung in vielerlei Hinsicht. Hervorragend inszeniert, erschreckend gut gespielt und mit der nötigen Portion Wahnsinn versehen erhielt das Meisterwerk dennoch nicht einmal eine Nominierung. Diese Tatsache wirkt noch unglaublicher, bedenkt man den enormen Einfluss des Films auf das Horrorgenre, die zahlreichen Zitate (Here's Johnny!) und den förmlichen Kult, der sich um ihn geformt hat (Empfehlenswert: Die absurde Dokumentation "Room 237").

The Big Sleep

Humphrey Bogart und Lauren Bacall gelten als Inbegriff des Leinwandpaares, „zwischen dem die Chemie stimmt“. 18 Minuten der Anfangsversion des wohl besten Film Noir aus Hollywoods sogenannter „Schwarzer Serie“ wurden gar neu gedreht, um die beiden mit ihren Spitzzüngigkeiten öfter aufeinanderprallen zu lassen. Darüber hinaus vergaßen alle am Set beteiligten teilweise, wie die verrückt verwobene Hard-boiled-Detektivgeschichte weitergeht. Sogar der für die Vorlage verantwortliche Autor Raymond Chandler wurde konsultiert, konnte aber nicht weiterhelfen. Da war wohl leider auch die Academy komplett überfordert.

Die Farbe Lila

Dieser Film teilt ein trauriges Schicksal mit "Am Wendepunkt" von Herbert Ross. Beide Filme gelten als mindestens sehr gut, und beide haben bei stolzen 11 Oscar-Nominierungen keine einzige Goldstatue ergattern können. Das ist umso erstaunlicher, bedenkt man, dass "Die Farbe Lila" das wichtige, aber selten thematisierte Schicksal der afroamerikanischen Bevölkerung beleuchtet. Ein Stück US-Geschichte, das ebenso wie die Zeit der eigentlichen Sklaverei kaum filmisch verarbeitet wurde. Bei all den Nominierungen wurde Regisseur Steven Spielberg übrigens völlig außen vor gelassen. Ob das oder eine eventuelle Niederlage im Falle einer Nominierung schlimmer ist, darf sich jeder selbst ausmalen. Fest steht: Selten war ein Oscar-Abend bitterer.