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Stories | Rankings
10/04/2019

The Fine Nine: Alle Filme von Quentin Tarantino im Ranking

Exakt zehn Streifen will Quentin Tarantino bis zu seinem Karriere-Ende gedreht haben. Wir haben seinen neunten zum Anlass genommen, alle bisherigen Werke des Ausnahme-Regisseurs vom schlechtesten bis zum besten zu reihen.

9. The Hateful 8 (2015)

Fast wäre "The Hateful 8" niemals entstanden – zwei Monate nachdem Quentin Tarantino den Streifen nämlich als sein neuestes Projekt angekündigt hatte, wurde das komplette Drehbuch im Netz geleakt. Tarantino war angemessen angepisst und geneigt, die Produktion sofort abzusagen, ließ sich dann aber doch noch überzeugen, den Film zu drehen. Jetzt zu meinen, "Na hätte er das mal besser sein lassen!" wäre zwar maßlos übertrieben, aber zu seinen besten Werken zählt der beklemmende Winter-Western wirklich nicht. Die handlungstragenden Personen des Kammerspiels reichen bei Weitem nicht an das Format eines Vincent Vega ("Pulp Fiction"), Hans Landa (Christoph Waltz in "Inglourious Basterds") oder das einer Jackie Brown (Pam Grier als Titelgeberin im gleichnamigen Film) heran – weswegen das sadistische Hütten-Gemetzel wohl auch wenig freudvolles Leid triggerte hinsichtlich des stetigen und teilweise sogar für Tarantino-Verhältnisse übermäßig brutalen Lebensabschieds sämtlicher Handlungsträger.

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8. Death Proof – Todsicher (2007)

Muscle-Car vs. Mädels-Clique: Mit "Death Proof" hat Quentin Tarantino seiner Passion für schnittige Autos, nackte Füße und trashige Exploitation-Filme mit einem eigenwilligen Slasher-/Rape-Revenge-Movie Tribut gezollt, das neben Robert Rodriguez' "Planet Terror" als Teil des Double Features Grindhouse entstanden ist. Künstlich hat Tarantino seinem 35mm-Filmstreifen den typischen Look billig produzierter B-Movies der 70er Jahre verpasst – die Illusion, es könnte sich tatsächlich um ein solches Kult-Objekt handeln, bricht er unter anderem durch gewohnt ausschweifend verbalisierte Alltags-Banalitäten – die der Action des rasanten Car-Chase-Streifens für manche aber ein wenig zu häufig die Vorfahrt nimmt. Wer Death Proof als Hommage eines Kino-Nostalgikers versteht und sich dem Male Gaze gegenüber nachsichtig zeigt, tut sich aber leicht beim Genuss und feiert das sexuell aufgeladene Auto-Crash-Gemetzel spätestens, wenn der mordlustige Stalker-Stuntman Mike (Kurt Russell) checkt, dass er sich für sein perverses Autodrom-Spiel definitiv die falschen Opfer ausgesucht hat …

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7. Django Unchained (2012)

Quentins erfolgreichster. Zumindest an der Kinokasse. In kreativer Hinsicht blieb Tarantinos zweiter die Geschichtsbücher lustvoll umschreibender Film in Folge für viele seiner Anhänger allerdings etwas hinter den Erwartungen zurück. Den Cast traf daran keine Schuld: vielschichtige Performances von Jamie Foxx und Samuel L. Jackson sowie ein Leonardo di Caprio außer Rand und Band trugen Quentins Siebten souverän über manch Handlungs-Holperstein hinweg. Ob’s daran gelegen hat, dass sein bis dato längster Film (168 Minuten!) als erster ohne Rückblenden auskam – und so diverse Tonfallschwankungen wenig schmeichelhaft zu Tage traten? Auch. In erster Linie fehlte diesem Potpourri aus bleihaltigem Spaghetti-Western und Abrechnung mit der schmutzigen US-Geschichte – trotz Oscars für das beste Originaldrehbuch – aber schlicht QTs gewohnter Storytelling-Schliff.

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6. Jackie Brown (1997)

Die Verfilmung von Elmore Leonards Roman Rum Punch aus dem Jahr 1997 kletterte in Kritiker-Rankings im Laufe der Zeit immer weiter nach oben. Rückblickend hat Tarantino mit "Jackie Brown" nämlich die Essenz seines originären Schaffens – zumindest bis dato – am ausgefeiltesten auf 35mm gebannt. Für die Charakter-Feinzeichnung, Dialog-Schläue, Kamerafertigkeit und das goldenes Händchen bei der Auswahl der Musik hätte der Streifen eigentlich einen Platz auf dem Stockerl verdient. Auch die schauspielerischen Punktlandungen sämtlicher Cast-Mitglieder – neben denen von Samuel L. Jackson, Robert De Niro und Robert Forster, vor allem die denkwürdige Performance von Blaxploitation-Ikone Pam Grier als titelgebende Schmugglerin – lassen die 135 Minuten in gefühlt halb so langer Zeit vorüberziehen. In Sachen Twist-Raffinesse und dem cleveren Bruch mit Erwartungshaltungen hat man im Heist-Genre allerdings schon Originelleres gesehen.

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5. Once Upon A Time In ... Hollywood (2019)

Das angeblich vorletzte QT-Kapitel kann eine gewisse Grundmelancholie nicht verhehlen. Denn so persönlich wie in seinem neunten Film (von zehn) hatte sich Tarantino bis zu diesem Zeitpunkt noch nie präsentiert. Zurückgelehnt wie seit "Jackie Brown" nicht mehr präsentierte er diese Hommage an "seinen" Summer of 69 im grade noch so guten alten Hollywood, die so leidenschaftlich wie lustig wie unerwartet liebenswert ausformuliert daherkam. Seinem Faible für wüste Geschichtsumschreibung blieb er schließlich aber auch hier treu – mit einem irrwitzigen Finale, das durchaus kontroversiell mit dem recht relaxten Geschehen davor bricht. Und falls es noch irgendwelche Zweifel gegeben haben sollte, dass Brad Pitt der kühlste Hund unter der Sonne ist: Mit seinem Stuntman Cliff Booth, der nicht mal vor Kung-Fu-König Bruce Lee zurückschreckt, dürften sie ein für alle Mal ausgeräumt sein.

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4. Reservoir Dogs (1992)

Goethes Farbenlehre neu interpretiert: Gleich mit seinem allerersten abendfüllenden Leinwand-Streifen hat Tarantino 1992 einen der markantesten Werke des amerikanischen 90er-Jahre-Kinos auf die Leinwand manövriert. Schlaues und fürs Gangsterfilm-Genre ungewöhnlich dialoglastiges Storytelling, ein Figuren-Ensemble, das mit Worten amüsiert und mit Taten schockiert, darüber hinaus ein unaufhörlicher Sprudel an Popkultur-Referenzen und großzügig dosierte, nüchtern präsentierte Gewalt stehen heute längst stellvertretend für den Stil des Regie-Zampanos – damals triggerten sie in Kreisen des Publikums und der Kritik aber noch kribbelige Vorfreude auf all jenes, das dem wagemutigen Newcomer in Zukunft wohl noch so in den Sinn kommen würde.

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3. Kill Bill Vol. 1 & 2 (2003 & 2004)

Wir handhaben es so wie es der Meister selbst für richtig hält (denn wer sollte es besser wissen?) und werten sein in zwei Kinofilme gesplittetes Vierstunden-Epos hier einfach auch als eine einzige Arbeit. Was natürlich nicht heißen soll, dass die Zweiteilung nicht ihre Berechtigung hatte – der Spagat zwischen hyperventilierender Kung-Fu- und reflektierender Italo-Western-Hommage, den Tarantino mit seinem überharten wie feinfühligen feministischen Rachefantasie, stilistisch hinlegte, war so sicher leichter zu verdauen. Was beide Teile eint sind einige der ikonischsten (visuellen) Ideen, die der Regisseur je hatte – der Bruce-Lee-Jumpsuit, das Sarg-Szenario, das Anime-Zwischenspiel, der Five Finger Death Punch – sowie, selbstverständlich!, eine alles überragende Uma Thurman, die mit der Bride die Rolle ihres Lebens gefunden hatte und uns das auch wissen, fühlen, erleben lässt.

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2. Inglourious Basterds (2009)

Nicht nur der Film, der die Talente eines gewissen Christoph Waltz einem weltweiten Publikum bekannt machte, sondern auch der beste Tarantino dieses Jahrtausends. Dass das Zusammenspiel aus Waltz‘ Performance als eloquentem SS-Soziopathen Hans Landa (einem der besten Kinobösewichter ever) und dem wohl schärfsten Script des Filmemachers reines Filmgold darstellt, ist einem nach der unerträglich intensiven viertelstündigen Eröffnungsszene bereits klar. Aber auch über diese kongeniale Kollaboration hinausgehend knistert diese Nazi Pulp Fiction an allen (geheimen) Ecken und Enden des von Hitler-Deutschland besetzten Frankreich – besonders in den vielen unter anschwellender Hochspannung stehenden verbalen Schlagabtäuschen, die nicht selten harschen Gewaltexzessen die Türe öffnen. Natürlich sind das alles Trademark-Tarantino-Zutaten, doch selten sonst wurden sie so fein mit subversivem Witz, Wendungsreichtum und narrativer Raffinesse abgeschmeckt.

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1. Pulp Fiction (1994)

Mit "Pulp Fiction" hat Quentin Tarantino sicherlich eines der geistreichsten Pop-Meisterwerke der 90er-Jahre geschaffen. So viel vermeintlich Übles – Klugscheißer, Räuber, Schmalspurkiller, Kokser und Nazi-Sadisten – auf so raffinierte Weise in damals noch Konventionen sprengende Episoden zusammenzustecken, gelingt nicht jedem – das hat 1994 auch die Festival-Jury in Cannes erkannt und die Bravourleistung des Fast-noch-Newcomers nach der Weltpremiere gleich mit der Goldenen Palme honoriert. Nutznießer der Genialität des Filmemachers sind nicht selten totgecastete Stars, denen er dank markanter Rollen zu neuem Glanz verhilft. Für kaum Gage hat QT für seinen 8,5 Mio.-Dollar-Streifen die damals temporär komplett verblassten Stars Bruce Willis und John Travolta rekrutiert und letzteren souverän aus dem "Schau mal wer da spricht"-Komödiensumpf gezogen. Das Geheimnis seiner Figurenzeichnung? Behutsamer Umgang mit seinen Schützlingen ist es sicher nicht – schließlich wird ihnen mitunter schon mal Gehirn ins Gesicht gespritzt oder eine zehn Zentimenter lange Nadel mit Schwung in den Brustkorb gerammt. Alles mittlerweile ikonische Leinwandmomente, die sich bis heute ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben.

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