Janelle Monáe in "Homecoming" (S2)

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05/21/2020

"Homecoming" (S2): So geht moderne Oldschool-Mystery!

Schnitzeljagd mit Zuckermelone oder das ewige Spiel mit dem Gedächtnisverlust. Mit altbewährten Mitteln schafft "Homecoming" (S2) eine schöne, spannende neue Welt.

Some things never get old. Ein paar Jahrzehnte hat er schon auf dem Buckel, doch noch immer ist der Gedächtnisschwund der Go-to-Plotkniff, um eine Story von hinten aufzurollen. Alt aussehen lassen ihn nur Fortsetzungen mit Kopie-Auftrag— wer bitte hat schon zweimal in Folge einen kapitalen Filmriss? Ach ja, hallo "Hangover 2 ...

"Homecoming" löst dieses Problem auf simple, aber höchst effektive Weise. Der Gedächtnisschwund bleibt, die Frau ohne Erinnerungen wird ausgetauscht: Janelle Monáe erbt die Hauptrolle von Julia Roberts. Nebenbei stellt die Amazon-Serie, die in einem früheren Leben ein Podcast war, ihr Grundsetting von leichter Amnesie (zwei parallel laufende Zeitebenen, von denen eine die Gedächtnislücken en passant füllt) auf ein waschechtes what-the-fuck-happened?-Szenario um (zwei Zeitebenen, strikt voneinander getrennt).

Die zweifelhafte Heldin arbeitet ihre Vergangenheit in Form einer Schnitzeljagd auf und füttert dem Publikum dabei ganz klassisch eine Vielzahl seltsam anmutender Anhaltspunkte und Indizien, denen im Rückblick nach und nach Bedeutung verliehen wird. Woher kommt das Peckerl am Unterarm? Warum liegt da eine Zuckermelone auf dem Bett? Wie ist das Lokalverbot im Familienrestaurant zustande gekommen?

Der Schmäh mit der Schnitzeljagd ist auch wieder so ein unsterblicher Evergreen, wird in den Händen der "Homecoming"-Macher ("Mr. Robot"-Mastermind Sam Esmail ist nur noch als Produzent beteiligt, Kyle Patrick Alvarez ersetzt ihn jedoch mustergültig als Regisseur) aber zur Pflichtübung für Mystery-Fans. Zum einen, weil "Homecoming" auch abseits der Gedächtnisverlust-Story die alte Schule hochleben lässt, von "Airwolf"-Ausschnitten im Röhrenfernseher bis hin zu fälschlicherweise antiquiert geglaubten Kamerazooms und Splitscreens. Zum anderen, weil die Geschichte konstant mit Exposition geizt. "Show, don't tell", lautet das Motto, und Alvarez zieht es eisern durch.

Wie das konkret aussieht, davon muss man sich aber schon selbst überzeugen. Bereits den Namen von Monáes Figur zu verraten wäre ein unverzeihlicher Spoiler. Nur so viel sei angeteasert: Wir erfahren endlich mehr über das Unternehmen hinter der erinnerungszersetzenden Substanz, die in Staffel eins kriegstraumatisierte Soldaten wieder in einsatzfreudiges Kanonenfutter verwandelt hat. Es gibt ein Wiedersehen mit dem freundlichen Sniper Walter (Stephan James) und der überqualifizierten Sekretärin Audrey (Hong Chau). Und die erste der sieben, knapp 30-minütigen Folgen beginnt mit Janelle Monáe, alleine, orientierungs- und ruderlos auf einem Boot.

"Homecoming" — ab 22. Mai auf Amazon Prime Video