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Streaming
05/15/2020

Das sind die zehn besten Amazon-Serien

2013 liefen die ersten Eigenproduktionen der Amazon Studios vom Stapel. Viel hat sich seither getan – wir stellen euch die zehn besten Amazon-Serien vor.

Ein Ausflug in die New Yorker Stand-up-Szene der Fünfziger und Sechziger? Animierte Zeitreisen mit "Better Call Saul"-Star Bob Odenkirk? Oder lieber ganz klassisch die Straßen von Los Angeles nach Meuchelmördern durchkämmen? Reichhaltig ist das Angebot der Amazon-Eigenproduktionen. Die SKIP-Redaktion stellt euch ihre Top 10 der besten Serien aus dem Hause Bezos vor.

Fleabag

Es kommt ja nicht so oft vor, dass eine Serie so unfassbar gut ist, dass man am liebsten einfach nach London fliegen würde, um die Autorin auf Knien anzubetteln, doch noch eine dritte Staffel zu schreiben. "Fleabag", das ist der Stoff, der eigentlich an jeder Filmakademie zur Pflichtlektüre werden müsste. Phoebe Waller-Bridge hat nämlich in zwei kurze Seasons so viel Wortwitz, schwarzen Humor und fiese Wahrheiten über das menschliche Dasein verpackt, wie es die meisten ihrer Kollegen in ihrem gesamten Lebenswerk nicht schaffen. Ach ja, und sie hat so ganz nebenbei noch das Durchbrechen der 4. Wand neu erfunden. Was auch immer die Frau als nächstes vorhaben mag: man wird es sich anschauen müssen. Und sich bis dahin zur Überbrückung halt immer wieder "Fleabag" zu Gemüte führen.

The Boys

Was wenn es Superhelden gäbe, aber sie nicht auf unserer Seite stehen? Aber bitteschön nicht etwa, weil sie böse wären – wie langweilig! Sondern weil sie, lassen wir die moralische Mottenkiste zu, einfach nur hinter der großen Kohle her sind, Únd wir ihnen schlicht und einfach völlig egal sind. In "The Boys" sind die Herren und Damen mit den übernatürlichen Kräften nämlich bei einen profitgierigen Großkonzern angestellt. Und weil der sein Geschäft eher nicht aufs Gemeinwohl ausrichtet, tun das der Homelander und seine Kollegen auch nicht. Wobei Supermans patriotischer Cousin ohnehin so dermaßen gestört ist, dass einem schon bei seinem Anblick ein Schauer über den Rücken läuft. Und noch ein paar mehr, wenn er dann anfängt, Leute umzubringen. Genau die gemeine, brutale Dystopie, die dieses popkulturelle Zeitalter der Superhelden gebraucht hat.

The Marvelous Mrs. Maisel

Im Herbst 2017, da war ja einiges los. Der Weinstein-Skandal wurde öffentlich, die globale #metoo-Bewegung startete – und Roy Price, damaliger Chef der Amazon Studios, musste wegen sexueller Belästigung seinen Hut nehmen. Ach ja, und dann kam da noch diese wirklich wunderbare Serie raus, für die es keinen passenderen Zeitpunkt hätte geben können. Schließlich handelt es sich bei der von Rachel Brosnahan mit so viel Esprit verkörperten Midge Maisel um eine talentierte Frau, die keine Lust mehr darauf hat, sich von irgendwelchen Männern klein und gefügig halten zu lassen. Wenig verwunderlich also, dass dieser erfrischende Ausflug in die Comedy-Szene der 50er Jahre einen Nerv traf. Und das immer noch tut: Weinstein ist mittlerweile hinter Gittern, Price irgendwo in Hongkong – aber Mrs. Maisel ist immer noch auf Tour und bringt uns zum Lachen!

Homecoming

Die Institution und das Institut hatten schon in den Siebzigern Feindbild-Hochsaison. Das Thema von "Homecoming" ist also kein unbekanntes – in einer Betreuungseinrichtung für Kriegsveteranen werden dubiose, Erinnerungs-zersetzende Experimente an PTSD-Patienten durchgeführt. Die Art und Weise, in der die Serie mit simpelsten und gänzlich unblutigen Mitteln Suspense generiert, hat sich hingegen das Attribut "außergewöhnlich" verdient. Eisern hält sich "Homecoming" ans Show-don't-tell-Prinzip und beschränkt seine Special Effects weitgehend auf die Zoom-Funktion seiner Kameras. Julia Roberts gefällt (in der ersten Staffel) als Gedächtnisverlustige auf Puzzle-Mission.

Sneaky Pete

Die salontauglichsten Gauner in Film und Fernsehen? Eindeutig die Trickbetrüger. Den schlitzohrigen Heiratsschwindlern, Mentalisten, Tarnern und Täuschern haftet ja auch meist etwas Brillantes, "Monk"-artiges an, das sich für die gute Sache verwerten lässt. Sneaky Pete (Giovanni Ribisi) ist so ein begnadeter Con Artist und erleichtert bevorzugt gefährliche Männer um ihr schmutziges Geld. Als ihn einer davon (herrlich gemein: Bryan Cranston) erwischt, flüchtet er sich mittels Identitätsdiebstahl in eine potentiell vermögende Bounty-Hunter-Sippe. Wie sich Pete aus einer brenzligen Situation nach der anderen improvisiert und dabei eine kaputte Familie kittet — einsame Spitze.

Patriot

Eine Show, die in den zwei Staffeln ihrer zu kurzen Existenz leider kaum wer auf dem Schirm hatte – aber im Zeitalter der ewigen Online-Verfügbarkeit ist es ja nie zu spät für das Nachholen verpasster Streaming-Schönheiten. Hier zahlt es sich aber so was von aus: Wenn man sich von der einzigen, wenngleich sehr offensichtlichen Schwachstelle, dem Titel, nicht abhalten lässt, bekommt man mit dieser eventuell besten Amazon-Eigenproduktion etwas geboten, das auf virtuose und doch angenehm beiläufige Weise das Erbe von "Fargo" antritt. "Patriot" ist kaum kategorisierbar, dabei aber in jeder Sekunde hochgradig einnehmend: mal in unterkühlt-hinreißenden Schwarzhumor und einiges Blut getunkte Spionage-Scharmützel, mal vertrackte Familienangelegenheit, mal auch bloß lakonisches Latschen über Luxemburger Kopfsteinpflaster. Eindringlich, absurd, melancholisch, die Quadratur des Serienkreises, ein kleines Wunder.

Undone

Es ist geradezu verblüffend, dass ausgerechnet dieses Kleinod bei so zahlreichen Serienfans unter der Wahrnehmungsschwelle blieb. Immerhin sticht "Undone" gleich auf mehreren Ebenen aus dem Angebot der Streaminganbieter heraus. Alleine visuell dadurch, dass es sich um die allererste, vollständig mit dem Rotoskopie-Verfahren animinierte Serie handelt. Heißt: echte Darsteller (super: Bob „Saul“ Odenkirk und Rosa „Alita“ Salazar) spielten die Szenen vor der Kamera, bevor die entstandenen Bilder anschließend von Hand abgezeichnet wurden. Was die Serie aber wirklich zu einem einprägsamen Erlebnis macht, ist ihr Mystery-Plot, der munter Realitätsebenen verzerrend seine Hauptfigur auf eine Schnitzeljagd nach dem eigenen Verstand schickt.

Red Oaks

Drüben bei Netflix feuern sie Serien mit starkem Coming-of-Age-Fokus ja im Wochentakt raus – die meisten hat man halt instantly wieder vergessen. Ganz anders verhält es sich mit diesem raren Amazon-Ausflug in Areal der Adoleszenz, mit all den dort schlagartig aufkeimenden Lieben und auftauchenden Zukunftsträumen/ängsten. Das Setting von Red Oaks trägt zum Genuss zu einem nicht geringen Teil bei: So clever wie sonst nur "Stranger Things" bedient sich die Country-Club-Comedy am Pop-Zitatenschatz der 80er – mitunter wähnt man sich beinah in einem verschollenen Werk von John Hughes. Frei nach der ungeschriebenen goldenen Regel des Komödienkaisers jener Zeit ("Ferris macht blau") dürfen und sollen Gags hier daher auch schon mal unter der Gürtellinie landen, wenn die darunterliegenden Geschichten dafür auch Herz und Hirn erreichen. Und wie sie das tun, in den drei Staffeln dieser unerklärlicherweise immer noch unentdeckten Perle ...

Bosch

Nothing fancy, something special. Mit seinen ersten Eigenproduktionen übte sich Amazon noch in Bescheidenheit, "Bosch" (Start 2015) entpuppte sich aber auch ohne Glitzer, Starpower und aufwendiges Produktionsdesign zum Hingucker. Titus Welliver, unterschätzter Grauschopf und personifizierter Silberblick, setzt sich in der Titelrolle ein hochverdientes Denkmal als sargnagelharter Good Guy Cop, der ganz klassisch seine Ehe in den Sand gesetzt hat, um sich der Verbrecherjagd zu widmen. Typisch Fernsehbulle eben. Die zweite Hauptrolle spielt die Stadt der Engel in all ihrer hitzigen, heruntergekommenen Pracht. Für den besten Nebenauftritt sorgt das kaleidoskopische Stimmungsmacher-Intro der Serie, unerreicht auf Amazon (und nicht nur dort).  

Too Old to Die Young

Ein ausgestreckter Mittelfinger im Miniserienformat oder: So was kommt dabei raus, wenn man Regie-Exzentriker Nicolas Winding Refn sehr viel Geld für dessen Vision von TV-"Unterhaltung" in die Hand drückt, weil man hofft, dass dieser nochmal so einen Konsenskracher wie "Drive" drehen will. Hatte der natürlich nie vor, das stellen diese 10+ Stunden ausdrücklich klar, die im unverwechselbar steilen Trademark-Style des Dänen zwischen knalligen Farben und zurückgeschraubtem Tempo sehr viel weiter gehen als jede andere Serie diesseits des "Twin Peaks"-Revivals. TOTDY fasziniert und verstört als unbeirrt weirder, teils ultraharter Neon-Noir, als eigen- und einzigartiger Provokationstango, den sicher nicht jeder mittanzen möchte. Wer aber erst mal vom unnachahmlichen Groove angefixt ist, der wird schwerlich wieder zum – Beispiel! – Scherenschnitt-Suspense des Amazon-Angebotsnachbarn Jack Ryan zurückkehren können.