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05/08/2020

"Disneys Requisiten" (S1): Die schönste Art der Eigenwerbung

Der Konzern mit den Mäuseohren schickt einen leidenschaftlichen Sammler auf die Spur seiner Klassiker. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß: sentimental, kitschig – und wunderschön.

Man mag von der Walt Disney Company halten, was man will. Manche beklagen ja, dass echte Kunst zwischen den durchexerzierten Blockbustern keinen Platz mehr hätte. Andere befürchten, dass die zunehmende Monopolstellung des Konzerns – Disney schluckte in den letzten Jahren bekanntlich erst die Marvel Studios, dann Lucasfilm und schließlich 20th Century Fox – negative Auswirkungen auf die Filmindustrie hätte. Unabhängig davon, ob an diesen Behauptungen nun etwas dran ist, lässt sich ganz eindeutig feststellen: In den beinahe 100 Jahren seines Bestehens erschuf das Studio unzählige Klassiker, die ganze Generationen von Kindern prägten.

Einige von ihnen sogar so sehr, dass sie bis ins Erwachsenenalter nicht nur glühende Fans blieben, sondern sich bis heute sogar die Kostüme und Setstücke ihrer Favourites aneignen. Nun hat Disney für seinen neuen Streaming-Service einen dieser Fans auf die hauseigenen Kornjuwelen angesetzt. Bühne frei also für Dan Lanigan, seines Zeichens professioneller Requisiten-Sammler und Filmhistoriker – der Mann kennt sich mit cineastischen Überleibseln aus und hat selbst eine beeindruckende Kollektion daheim. Und dass er ein wenig an Michael Moore erinnert (wenn der statt dem Feld der politischen Polemik jenes der Filmdevotionalien gewählt hätte) ist auch kein Nachteil.

Wohlgemerkt: Lanigan hält sich nicht mit kritischen Fragen auf, lieber teilt er ganz ungeniert seine Begeisterung für die Funde und das herausragende Handwerk dahinter. Ebenfalls vergeblich sucht man Besuche bei den ganz großen Stars: In der Episode über "Tron" fehlt Jeff Bridges, in der über "Fluch der Karibik" Oberpirat Johnny Depp. Darin liegt aber keine Schwäche, sondern tatsächlich die größte Stärke des Formats.

Immerhin sollen die titelgebenden Requisiten – und die kreativen Köpfe dahinter – die Stars der Show sein. Und tatsächlich gelingen echte emotionale Momente, etwa wenn das beeindruckend gut erhaltene Original-Kostüm von Mary Poppins mit seinem mittlerweile 85-jährigen Kostümdesigner wiedervereint wird. Oder wenn der riesige Aufwand gezeigt wird, mit dem die komplexen Stop-Motion-Sets und Figuren für "A Nightmare before Christmas" gestaltet wurden.

Spannend wird es auch, wenn die Crew des technisch wie inhaltlich visionären Sci-Fi-Kultfilms "Tron", der seinerzeit spektakulär floppte, zu Wort kommt. Zwischendurch findet eine Narnia-Reunion statt. Und dann taucht in der vorletzten Folge noch ein Darsteller auf, gegen den man sowieso sofort halb Hollywood eintauschen würde: Der einmalige Christopher Lloyd schaut vorbei, um noch einmal an seinem Judge-Doom-Kostüm aus "Falsches Spiel mit Roger Rabbit" zu schnuppern. Ein echtes Volksfest für Filmfans.

Dass Disney+ sich die Mühe gemacht hat, für die Serie seine wertvollsten Schätze aus dem Archiv zu kramen und weitere in der ganzen Welt aufzuspüren, dürfte übrigens nicht nur im Stolz auf die eigene Firmenhistorie begründet sein. Bekanntlich liegt es in der Natur eines jeden Streaming-Anbieters, die eigenen Abonnenten bei der Stange halten zu wollen. Wozu man diesen idealerweise den eigenen Content schmackhaft macht. Und wenn einen nach einem spannenden Ausflug in die Entstehungsgeschichte von "Mary Poppings" die Lust packt, Julie Andrews und Dick van Dyke endlich wieder "Chim Chimney" singen zu hören – wo kann man den Film dann gleich im Anschluss streamen? Eben.