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04/24/2020

"After Life" (S2): Bitter-böser Humor am Steuer

Die erste Staffel von Ricky Gervais’ jüngster Serienkreation endete mit der vorübergehenden Zähmung ihres unausstehlichen Protagonisten. Die zweite wirft nun die logische Folgefrage auf: Kann der tiefzynische Witwer Tony auch längerfristig seinen Seelenfrieden finden?

Da sollte man sich nichts vormachen: Tony (Ricky Gervais) verstand es bisher ausgezeichnet, seinen Mitmenschen in der englischen Kleinstadt Tambury unfassbar auf die Nerven zu gehen. Wer nicht bei drei auf den Bäumen war, bekam verlässlich eine der Breitseiten des Redakteurs der lokalen Gratiszeitung ab. In seiner eigenen Wahrnehmung hatte Tony für seine Arschloch-Attitüde auch jede Berechtigung: Schließlich hatte er ja eben erst die Liebe seines Lebens an den Brustkrebs verloren. Von Trauer zerfressen betrachtete er nunmehr jeden Tag als reinen Bonus nach seinem eigentlichen Leben, dazu da, um ungefiltert alles rauslassen zu können, was ihm immer schon oder grade akut auf der Seele brannte. Auf seiner Spur der verbrannten Erde hatte er den eigenen Suizid dabei als unweigerlichen Last Exit stets miteinkalkuliert. Doch dann kam es zum Abschluss von Staffel eins dieser seiner After Life-Erzählung ganz anders: Im rührseligen Finale konnte der Griesgram noch einmal genug lust for life aus sich rauskitzeln, um weitere Fahrten im Karussell seiner Kleinstadtexistenz in Kauf zu nehmen  – und ein wenig umgänglicher als bisher wollte er sich zukünftig obendrein verhalten.

Ende gut, alles gut also? Das ist die Frage, mit der sich diese unweigerliche Fortsetzung nun konfrontiert sieht. Tonys Vorhaben, der Welt um ihn herum mit mehr Gelassenheit und Güte zu begegnen, wird darin jedoch gleich mal auf die Probe gestellt. Zu den schon bisher nicht geringen Herausforderungen – neben dem immer noch klaffenden Loch in seinem Herzen zählt dazu auch sein demenzkranker Vater – gesellt sich nämlich sogleich eine neue: Das Blatt, für das er und seine liebenswert schrulligen Kollegen absurde Alltagsgeschichten einfangen, steht kurz vor der Schließung. 


Eine echte Mission also für den Misanthropen – und ein erster Elchtest für dessen neu gefundenen Seelenfrieden. Erwiesenermaßen sind Ricky Gervais und seine Figuren aber halt grad dann besonders unwiderstehlich, wenn sie besonders unausstehlich sind. Für die Erkenntnis braucht man nicht mal zu seinen Serienklassikern "The Office" und "Extras" zurückspulen, da reichen schon seine jüngeren, berühmt-berüchtigten Golden Globes-Moderationen. Folglich dürften es also nicht nur die zahlreichen Fans des Brit-Comedians denn kaum noch erwarten können, bis letztlich auch in dieser zweiten Runde seiner jüngsten Kreation Gleichmut und Gelassenheit – zumindest kurz mal – auf der Rückbank Platz nehmen und dem bitter-bösen Humor für einige Meter das Steuer überlassen. Ja, auch da sollte man sich nichts vormachen …

"After Life" (S2) – ab 24. April auf Netflix.