© Netflix

Streaming | Netflix
06/25/2020

"Dark" (S3): Das Ende ist der Anfang ist das Ende ist der Anfang

Das Schicksal spielt Schach, die Synapsen schmelzen. Der düsterdeutsche Zeitreise-Serienhit dreht auf seiner Zielgerade erneut kompromisslos an der Komplexitätsschraube.

Man müsste hier eingangs eigentlich nur zwei von Protagonisten im Lauf dieser dritten und letzten Staffel von "Dark" geäußerte Aussagen deponieren, um die Essenz des unerwartet größten deutschen Serienhits der Gegenwart so passgenau auf den Punkt zu bringen, dass weitere Worte unnötig wären. Die erste lautet: "Ich mag es hier, es ist so trostlos." Die zweite: "Es ist etwas kompliziert zu erklären."

Denn in der Tat präsentierte sich die erste deutschsprachige Netflix-Eigenproduktion mit ihrer Melange aus unheilschwangerer, düsterdeutscher SciFi-Stimmung und hyperkomplexem Zeitreise-Mindfuck von Anfang an als so unverwechselbar wie unverzichtbar, dass selbst die untertitelscheuen Amis gar nicht anders konnten, als sich den stark seltsamen Geschehnissen im AKW-Städtchen Winden mit zurecht stetig zunehmender Begeisterung zu widmen.

Wer nun aber geglaubt oder gehofft hatte, dass das Komplexitätslevel mit den eh schon noch stärker verschachtelten Ereignissen der zweiten Season bereits seinen Höhepunkt erreicht hatte, der wird von den kongenialen Showschöpfern Jantje Friese und Baran bo Odar freilich gleich zu Beginn des Finaldurchgangs (der am 27. 6. 2020, dem Tag des Serienweltuntergangs, startet, logo) eindeutig eines Besseren belehrt.

Denn ja, es geht immer noch viel verwirrender und herausfordernder. Der letztstafflige Cliffhanger gibt den weiteren Takt der fortschreitenden Hirnwindungsakrobatik vor – wir erinnern uns: Nachdem der junge Jonas Kahnwald (Louis Hofmann) nach einem seiner Time Travel Trips durch die genau 33 Jahre auseinanderliegenden Zeitebenen wieder zurück in der eigenen angekommen war, musste er von einem Portal erfahren, das das Eintauchen in eine Spiegelwelt erlaubt, die der seinen bis hin zur ebenfalls drohendem Apokalypse in vielerlei Hinsicht gleicht – und doch entscheidend anders ist.

Als wär nicht alles eh schon düster genug! Martha bekommt die Augen zugehalten.

Dass Zeitreisen hübscher macht hat eh niemand behauptet.

Licht ins Dunkel a la "Dark".

In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen die beiden gleich nochmal zu einander? Aber was GoT durfte, darf "Dark" natürlich auch.

Die gelbe Jacke war halt zu wenig düster, Jonas kleidet sich mittlerweile im matschfarbenen Regenschutz.

Irgendwer muss aber eine gelbe Jacke tragen! Martha opfert sich.

Papa Ulrich sieht seit Staffel 1 die Geschehnisse mit berechtigter Besorgnis.

Ausgezeichnete Überforderung

An dieser Stelle nun wie eventuell erwartet den weiteren Fortgang der Story festzuhalten und aufzudröseln gestaltet sich indes als schlicht nicht lösbare Übung. Nicht nur aus Platz- oder Spoiler-Gründen, sondern schlichtweg ob der nicht leugenbaren Tatsache, dass sich dem Verfasser dieser Zeilen auch nicht sämtliche Verstrickungen und Verästelungen, die sich aus dem schicksalhaften Zusammenspiel von annähernd zwei Dutzend zentralen Figuren, die in einem halben Dutzend Zeitebenen in gleich mehrfacher Ausführung UND in zwei Realitäten vorkommen, ergeben, zu 100% erschlossen haben. Oder auch nur zu 90%. Ausflüge ins auch schon fordernde Universum des Christopher Nolan sind verglichen damit regelrechter Sommerfrischespäße.

Addiert man zum offensichtlichen Handlungs-Hirnfutter dann noch all die zu Grunde liegenden naturwissenschaftlichen Theorien (Stichwort: God Particle, Zweitstichwort: Bootstrap Paradox) sowie diverse mittransportierte existenzphilosophische Themenstellungen, dann raucht einem selbst als genug geübtem Gehirnsportler der Kopf bald derart heftig, dass man diese waghalsig wendungstalentierten Macher vor lauter ausgezeichneter Überforderung eigentlich nur noch verfluchen möchte. Aber letztendlich will und kann man ihnen nach dem großen und auch größenwahnsinnigen Finale dann aber doch einfach nur gratulieren.

Denn: Eine so derart ultra-ambitionierte, überbordende Versuchsanordnung zu wirklich guter Letzt mit einer nicht nur unfallsfreien, sondern sogar stimmigen Landung auf den Boden zu bekommen, und dabei beim Zuschauer neben aller angewandten Synapsenschmelze auch noch echtes Herzpumpern zu triggern, das ist schon echte und wohl sogar große Kunst. Und so kann man es eigentlich kaum noch erwarten, was Friese und Bo Odar im Anschluss und internationalen Maßstab für Netflix schaffen werden – in einer natürlich noch nicht geschriebenen Zukunft.