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10/07/2019

"The King": Wenn du König wirst

In dieser losen, atmosphärisch und ästhetisch wuchtigen Shakespeare-Bearbeitung sieht sich Timothée Chalamet ("Call Me By Your Name") als royaler Taugenichts dazu verdonnert, in die Rolle des Herrschers hineinzuwachsen. Auf den Machtrausch muss man nicht lange warten …

Keine große Übertreibung: mit einer Auflistung aller bisherigen Adaptionen von Shakespeare-Werken ließe sich gut und gern der Rest dieses Heftes befüllen. So häufig und regelmäßig aber seine Tragödien wie Romeo und Julia oder Macbeth in den letzten hundert Jahren Kinogeschichte verfilmt wurden, so selten kamen die Historiendramen des „Bard“ zum Zug. Ausgerechnet zwei Australier haben sich nun jenem Eck des Œuvres des britischen Literatur-Nationalheiligtums gewidmet: Für das Drehbuch zu ihrem jüngsten gemeinsamen Projekt haben sich Regisseur David Michôd und Schauspieler Joel Edgerton von der weniger bekannten Henriad-Reihe inspirieren lassen. „Inspirieren lassen“ ist auch schon das richtige Stichwort: Der Stoff von Henry IV. und Henry V. dient nämlich höchstens als unverbindliche Ausgangsbasis, auf die dann forsch eigene Einfälle gestapelt werden.

Alles beginnt hier im finsteren Mittelalter des englischen 14. Jahrhunderts damit, dass der mit seinem lockeren Lotterleben ausreichend ausgelastete Königssohn Hal (Timothée Chalamet mit einem weiteren Talentbeweis) nach dem Abtreten seines Vaters König Henry IV. (Ben Mendelsohn) sich just mit jenen Thronfolgefragen beschäftigen muss, um die er sonst stets den größten Bogen gemacht hat. Widerwillig wächst der Jungspund aber an der Seite seines so treuen wie trinkseligen Kompagnons John Falstaff (Edgerton) schrittweise doch in seine royale Rolle als Henry V. hinein. Und einige folgenschwere Entscheidungen später steht er mit seiner Armee schließlich gar auf französischem Boden … Klar, als Shakespeare-Purist kann man über so manchen Handlungsverlauf verwundert sein. Dabei würde man aber übersehen, dass die Stärken dieses epischen Netflix-Historienschinkens ohnehin weniger im Plot selbst, denn in dessen formaler Umsetzung liegen. Wenn sich hier die gegnerischen Truppen schließlich auf französischen Feldern gegenseitig tüchtig einschenken, dann meint man, den Gatsch förmlich schmecken zu können. Wie bitter wiederum selbst der vermeintlich glorreichste Sieg schmecken kann, davon kündet The King ebenfalls mit mitreißender Bestimmtheit.

Ab 01.11. auf Netflix

Historienfilm/Drama. OT: The King. USA/Großbritannien/Australien 2019. Länge: 133 Min. Regie: David Michôd. Besetzung: Timothée Chalamet, Joel Edgerton, Robert Pattinson, Lily-Rose Depp, Sean Harris, Ben Mendelsohn, Tom Glynn-Carney, Thomasin McKenzie. Produktion: Netflix.