The Irishman

The Irishman

USA, 2019

KrimiThriller

Wir mussten unsere Geduldsfäden lang genug zusammenhalten – nun hat Martin Scorsese mit den alten Haudegen Robert de Niro, Al Pacino und Joe Pesci endlich jenen Film finalisiert, auf den seine ganze Ausnahmekarriere zusteuern musste. Ein meisterlicher, melancholischer Schwanengesang auf das Gangsterkino-Genre, der beste Film des Jahres.

Min.210

Start11/15/2019

Zeitweise wird wohl nicht mal Martin Scorsese selbst noch dran geglaubt haben. Geglaubt an eine letzte Runde in jenem Theater, das er so geprägt hat wie kaum ein anderer Filmemacher (Coppola mal außen vor), auf dessen Eingangsschild „Großes Gangster-Epos“ steht – und in dem Großtaten wie GoodFellas zur Aufführung gelangt sind. Charles Brandts True-Crime-Bestseller I Heard You Paint Houses war zwar als ideale Inspirationsquelle ausgemacht worden, brachte aber spezielle Erfordernisse mit sich: Zur Abdeckung des Handlungsrahmens war es nötig, die Hauptcharaktere über einen Zeitraum von 50 Jahren abzubilden – mit den Mitteln der Make-up-Kunst allein ging sich das nicht mehr aus. Wohl aber mit jenen der modernsten Tricktechnik, mit der sich die Gesichter der Darsteller ultrarealistisch aussehenden Verjüngungskuren unterziehen lassen. Logisch, dass es dann auch nicht irgendwelche Gesichter sind, die nach dem finalen Go für das Projekt durch einen $ 160-Mio.-Scheck von Netflix in variabel alten Versionen zu sehen sind. Sondern jene von echten Schauspiel-Schwergewichten, mit denen Scorsese eine große gemeinsame Film-Vergangenheit hat (Robert de Niro, Joe Pesci) oder verblüffenderweise auch keine (Al Pacino). Diese drei Titanen geben in The Irishman klarerweise die zentralen Charaktere: De Niro ist der titelspendende Ire, der Veteran Frank Sheeran, der sowohl für Pescis Paten Russell Bufalino (Joe Pesci) als auch für Pacinos mafiaverbandelten Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) „Häuser streicht“. Genau: mit dem Blut von deren Gegenspielern. Über die Jahre entwickelt der Vollstrecker zu beiden freundschaftliche Bande – bis unüberbrückbare Konflikte folgenschwere Entscheidungen fordern …


Meister Marty ist zurück in seinem Revier – und er zeigt uns von der ersten Einstellung an, dass ihm in diesem keiner was vormachen kann. Und trotzdem fühlt sich Scorseses jüngster, wohl auch letzter Ausflug in die raue Welt des organisierten Verbrechens anders an als frühere. Die Mobster dürfen hier hinter der Fassade der Gewalt älter, gramgebeutelter und reueerfüllter als bisher wirken und auch sein: der bittere Nachgeschmack des Bedauerns liegt ihnen zäh am Gaumen, die Vergangenheit hat Narben auf der Seele hinterlassen. The Irishman ist ohne Zweifel ein Film, den niemand außer Scorsese auf diese Weise hinbekommen hätte: Ein überbordendes, erstklassig gespieltes, berauschend inszeniertes, emotional mitnehmendes Epos über Freundschaft und Gewalt, Schuld und Loyalität, das sich in Höhen aufschwingt und in Tiefen hinunterwagt, von deren Existenz die Konkurrenz noch nicht mal etwas ahnt.
 

Kinostart: 15. November; bei Netflix zu sehen ab 27. November 2019.

 

Text: Christoph Prenner

  • Schauspieler:Robert De Niro, Al Pacino, Anna Paquin, Joe Pesci, Harvey Keitel

  • Regie:Martin Scorsese

  • Autor:Steven Zaillian, Charles Brandt

  • Verleih:Netflix

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